Städtisches Bestattungswesen

Krematorium Meißen

Mit Meissner Porzellan die Strassenbahn bezahlen

Durch die Straßen und Gassen der Porzellanstadt Meißen fuhr ab 1899 eine Personen- und später auch eine Güterstraßenbahn. Bezahlt wurde die Fahrt beim Kondukteur oder Schaffner mit Münzgeld. In den Geschäften der Stadt gab es aber auch spezielle Straßenbahn-Metallmarken, welche man kaufen konnte und die für die Fahrt berechtigten. Kurzfristig wurde mit Porzellanmünzen bezahlt.


Als während und nach dem Ersten Weltkrieg Kleingeld und Münzmetalle überall knapp waren, wurden in Meißen kurzfristig zwei Münzen aus Porzellan ausgegeben.

Aktuelle Kataloge über die vielen Münzen aus Porzellan, welche besonders in den Jahren 1920-1923 in der Porzellanmanufaktur Meißen gestaltet und hergestellt wurden, sind knapp. Als Standardwerk wird heute noch der «Scheuch-Katalog» aus dem Jahre 1978 zitiert. Allerdings gibt es dort bei einigen Münzen ungenaue Angaben. Einen ersten Katalog, inzwischen eine Rarität, gab bereits im Jahre 1923 der Meißner Weinhändler und Münzsammler (Münzsammlung Horn) Ernst Otto Horn heraus. Darin beschreibt Horn die als Strasßenbahngeld durch die Stadt Meißen im Jahre 1921 herausgegebenen Münzen aus weißem Biskuitporzellan. Leider nahm keiner der nachfolgenden Autoren diesen Hinweis auf. Mittlerweile wird die Existenz vom Meissner Straßenbahngeld aus Porzellan sogar abgestritten. Doch zu Unrecht!

Die Recherche

Wie in vielen Städten behalf sich auch die Stadtgemeinde Meißen seit 1918 mit Notgeld, zeitweise geschah das gemeinsam mit der Amtshauptmannschaft. Der damalige Generaldirektor der Manufaktur Meißen, Max Adolf Pfeiffer, hatte durch den Künstler Emil Paul Börner gleich mehrere Sätze an Probemünzen für das Deutsche Reich, Sachsen und die Stadt Meißen den zuständigen Behörden vorgelegt. So findet man es in den Archiven der Stadt Meißen. Einige Notgeldmünzen für Sachsen aus braunem Feinsteinzeug der Manufaktur bekamen sogar bis zum 31. Dezember 1921 Gültigkeit als Zahlungsmittel, verschwanden aber schnell in die Taschen von Sammlern und Touristen.

Strassenbahnmarken

Straßenbahnmarken aus Zink und Messing gab es bereits seit 1899. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde vorwiegend Bargeld angenommen und Papierbillets verkauft. Solche achteckigen Marken sind heute eine Rarität. Auf der Vorderseite fand sich der Schriftzug «MEISSNER STRASSENBAHN» und eine Art Perlrandverzierung. Auf der Rückseite war ein filigran gestaltetes Monogramm aus den Buchstaben «M» und «S» (steht für Meißner Straßenbahn) neben dem Perlrand zu sehen. Wo einst diese Marken hergestellt wurden, bleibt bis heute unbekannt.

Im Dezember 1920 waren mit den Worten «…6 Stück Muster für die geplanten Straßenbahn-Münzen…», Probestücke an den Bürgermeister Dr. Goldfriedrich geschickt worden. Anfang 1921 fertigte dann die Porzellan-Manufaktur die 30- und 50- Pfennigstücke an. In der Stadtverwaltung hiess es, dass das kein Notgeld, sondern Straßenbahngeld sei! Eingeführt wurden die Stücke offiziell mit einer Ankündigung im «Meißner Tageblatt» vom 5. Mai 1921:

«Meißner Porzellangeld … haben wir jetzt wirklich, d. h. nicht eigentlich Geld, sondern Straßenbahnmarken. Schließlich kann uns aber der Staat … nicht verwehren, wenn wir – wohl nicht offiziell, aber doch von uns selbst aus – unsere Straßenbahnmarken … aus Porzellan als Geld bezeichnen und auch als solches verwenden.»

Auch auf eine entsprechende Anfrage der Stadt Innsbruck antwortete die Stadtverwaltung im Mai 1921:

«Wir haben vor kurzem Porzellanmünzen in den Verkehr gebracht. Sie sind als 30- und 50-Pfennigstücke hergestellt und hauptsächlich für den Straßenbahnverkehr gedacht, werden sich aber auch als Umlaufgeld einbürgern.»

Weitere Stücke von 1 Mark, 3 Mark, 5 Mark, 10 Mark und 20 Mark galten dagegen nur als Erwerbslosengeld, wie das Amtsblatt vom 18. August 1921 verkündete. Etwas verwirrend ist dabei, dass trotzdem die Stücke zu 1, 2 und 3 Mark betreffend einer Nachfrage der Reichsbankaußenstelle Meißen von der Stadtverwaltung auch als «Straßenbahnmarken» bezeichnet wurden. In den heutigen Katalogen bezeichnet man aber gerade diese Stücke als «Neppgeld», ohne Zahlungsfunktion.

Der sichtbare Unterschied

Als «echtes» Straßenbahngeld, welches zur Benutzung der Meißner Straßenbahn berechtigte, wurde ausschließlich weißes Biskuitporzellan (30 und 50 Pfennig) akzeptiert. Die Stücke gab es aber auch motivgleich aus braunem Feinsteinzeug. Wieso das? Solche Stücke wurden nachgeprägt, damit man für das Erwerbslosengeld einen kompletten, braunen Satz zur Verfügung hatte. Etwas Gemeinsames haben sie aber doch, denn gestaltet wurden alle hier genannten Stücke von Emil Paul Börner aus der Manufaktur Meißen.

Strassenbahngeld der Straßenbahn Meißen (weißes Biskuitporzellan, runde Form)

30 Pfennig

Gipsform, Stahlstempel 18 mm Ø, glatter Rand.

Vorderseite:
Meißner Stadtwappen auf horizontaler Linie mit seitlichen Pfeilen. Oben steht halbkreisförmig «MEISSEN», unten die Zahl «30».

Rückseite: Pokal mit den Kurschwertern und zwei lodernden Flammen und beidseitig aufsteigendem Rauch. Unten steht halbkreisförmig «1921».

50 Pfennig

Gipsform, Stahlstempel 21 mm Ø, glatter Rand.

Vorderseite:
Meißner Stadtwappen auf horizontaler Linie mit seitlichen Pfeilen. Oben steht halbkreisförmig «MEISSEN», unten die Zahl «50».

Rückseite: Auf einer gebogenen Halbkreislinie steht eine Putte mit Weintraube. Rechts die Kurschwerter. Unten steht halbkreisförmig «1921».

Wie schon erwähnt, war das Straßenbahngeld nur sehr kurz im Umlauf, denn schon bald waren sämtliche Stücke in Sammlerhänden, und die Nachfrage war weiterhin gross. Über die genaue Auflagenzahl kann bisher nur spekuliert werden. Es gibt unterschiedliche Angaben, aber kaum verlässliche Quellen. Es ist bekannt, dass das Straßenbahngeld auch noch später in Etuis und Tüten verpackt, an Sammler verkauft wurde. Hier bedarf es noch intensiver Recherche in den Unterlagen der Manufaktur Meissen. Die bald einsetzende Hochinflation hätte ohnehin das «Aus» für die beiden Stücke bedeutet. Am 20. November 1923 kostete eine Straßenbahnfahrt in Meißen bereits 30 Milliarden Mark.

Text: Reiner Graff
Fotos: Angela Graff + Privatarchiv