Städtisches Bestattungswesen

Krematorium Meißen

Das neoklassizistische Krematorium in Meißen

Mit der Gründung des Feuerbestattungsvereins 1911 wurde der Gedanke der Feuerbestattung nach Meißen getragen. Das Ziel war die Errichtung einer Feuerbestattungsanstalt. Die Widerlichkeiten der Geschichte – 1. Weltkrieg (1914-1918), Inflation (1922-1923), Weltwirtschaftskrise (1928-1932), ließen die Pläne nur schwer reifen. Nach einem ersten Entwurf des Architekten Asmussen aus Zittau (1925) sollte der Bau monumental sein, was am behördlichen Widerwillen scheiterte. Es galt, neue Pläne zu entwickeln.

Das nach den architektonischen Entwürfen von Prof. Paul Börner letztendlich errichtete Krematorium in Meißen (1928-1931) wird der neoklassizistischen Linie der Architektur zugeordnet. Der Neoklassizismus gilt als letzter einheitlicher Stil der Bildenden Kunst und Architektur in Deutschland, der auch regionale Merkmale in sich trägt.

Hier wurden verschiedenste Stilelemente eingebracht, die man am Krematorium entdecken kann. Die Feierhalle bietet durch ihre klar gegliederte symmetrische Gestalt mit rechteckigem Grundriss ein monumentales Erscheinungsbild. Ein Vergleich mit der Bauhausarchitektur kann durchaus gezogen werden.

Den ersten Blickpunkt bilden die sich an griechisch-antiken Vorbildern orientierenden Säulen im Tempelbereich. Ursprünglich sollte für diesen Säulenbereich der matte Rochlitzer Porphyr verwendet werden. Auch damals mussten die finanziellen Möglichkeiten eingehalten werden. Die erste Bauausführung war deshalb rot eingefärbter Beton, der von Steinmetzen behauen wurde.

In Meißen findet man diesen „scharrierter Beton“ (mit Linien) an vielen Gebäuden, da durch die damalige Krise in der Granitverarbeitung viele Steinmetze Ersatzbeschäftigungen suchten. Hier bot sich der Beton als damals relativ neuer Werkstoff an. An die alten Pläne angelehnt, wurde 2001 Porphyr bei der Sanierung des Tempels verwendet.

Ein Mitglied des damaligen Feuerbestattungsvereins war Prof. Paul Börner, der in der Manufaktur der damaligen Zeit einer der bedeutendsten Gestalter war. Hier im Krematorium eröffnet sich die künstlerische Universalität von Prof. Börner bei der Verwendung von verschiedensten Werkstoffen. Teichertsteinzeug (Vestibül 1930/Urnenmauervasen 1938), Beton
(Pietaskupltur 1931), Hartbrandkeramik aus Ziegellehm (Phoenix 1931), Bleiglasfenster (1931), Porzellanglockenspiel (1934), Glasmosaike (1936) sind hier auf engstem Raum konzentriert.

Das impressionistische Blau findet man vor allem in Figurengruppen an den Fensterfronten und im Mosaik der Feierhalle wieder. Dieses „Börnerblau“ war zwischen 1931 und 1936 der prägende Stil der Feierhalle, als noch Engel (auf Holz gemalt) die Feierhalle schmückten. Das galt allerdings als farblicher Versuch und wurde vom Künstler später nicht weiterverfolgt.

Bei genauer Betrachtung des Bildes aus der Festschrift zum 25. Jubiläum des Feuerbestattungsvereins sieht man den 1936 in die Feierhalle eingebrachten Sockel aus Teichertsteinzeug. Ursprünglich sollte die Feierhalle mit Meißner Granit ausgestattet werden. Allerdings hätte dieses Material mit den Türgewänden (Teichertsteinzeug 1931) einen optischen Widerspruch ergeben, sodass man bei der keramischen Ausgestaltung blieb. Die geplanten 14 roten Säulen die die Fenster (je 6 pro Seite) einrahmen, den Ausgang der Feierhalle (2 Stück) verzieren sollten, wurden letztendlich in ihrer Ausführung durch den Krieg verhindert. In der DDR beließ man die Feierhalle entsprechend des ersten Entwurfskonzepts der schlichten Sachlichkeit von 1927, ohne den Raum innen mit wesentlichen Elementen zu gestalten. Für den ersten Kaseinanstrich nach dem 2. Weltkrieg mussten sogar zusätzliche Lebensmittelmarken für 2 Eimer Quark (Kasein) beschafft werden.

Diese in den 1930-er Jahren nicht realisierten Säulen geben heute die Chance, die Akustik der Feierhalle zu verbessern. Eine 1999 installierte Tonanlage erhöhte zwar die Lautstärke, konnte aber die Schallreflektionen, die durch den quaderartigen Bau auftreten, nur leicht vermindern. Das Wort selbst kommt aus den 24 auf die Stuhlreihen gerichteten Lautsprechern hinter dem Rednerpult. Die Seitenlautsprecher erzeugen zusätzlich eine Schallkuppel. Der Schalldruck beträgt derzeit 60 dB. Von der Lautstärke her ist das ausreichend.

Trotzdem ist speziell in der dritten, sechsten und neunten Stuhlreihe das Wort des Redners schwer zu verstehen. Hier steht ein physikalisches Problem dahinter. Das Ohr des Besuchers trifft der Schall durch Reflektionen dreimal. Erst kommt das gesprochene Wort des Redners, nach 0,1 Sekunde das Echo von der Decke und nach nochmal 0,1 Sekunde die Reflektion von der Rückwand. Dieses dreifache Geräusch kann, je älter man wird, nicht mehr ausreichend vom Gehör verarbeitet werden. Man versteht nicht mehr, was der Redner sagt. Gut angepasste Hörgeräte helfen durchaus. Doch leider sind solche optimalen Hörhilfen mit den spärlichen finanziellen Kostenübernahmen der Krankenkassen nicht zu bezahlen.

In der Form der damals konzipierten Säulen (60 cm breit und 9 Meter hoch) werden nunmehr 14 Schallschutzvorhänge und eine Schallschutzfläche über der Tür angebracht, die sich genau an diesem historischen Säulenentwurf orientieren. Dafür werden dicke textile und nicht brennbare Gewebe benutzt, die im Rotbraun der Teichertkeramik gehalten sind. Diese Elemente sollen das störende Echo schlucken und die Möglichkeit geben, die Lautstärke in den Lautsprechern weiter zu erhöhen. Ende Oktober ist das Projekt abschlossen und die Feierhalle besitzt ein neoklassizistisches Gestaltungselement mehr.