Städtisches Bestattungswesen

Krematorium Meißen

Drei Lotterien in Meißen mit Losmedaillen aus Feinsteinzeug

oder Emil Paul Börner (1888-1970) – ein besonderer Medailleur der Pfeifferzeit

Er war ein Multitalent des „Weißen Goldes“, ein Meister der Formgestaltung, Medailleur, Grafiker und Kunstmaler. Im sächsischen Meißen geboren, prägte der Name Börner die sogenannte „Pfeifferzeit“ (1918-1933) in der Porzellanmanufaktur bedeutend mit. Wohl unzählige Entwürfe für Medaillen und Münzen aus Biskuitporzellan sowie braunen Böttger-Steinzeig bezeugen noch heute sein schaffensreiches Leben. Dabei schuf er auch numismatische Spezialitäten.

Wenn man an einer Lotterie teilnehmen möchte, um dabei dann auch möglichst den Hauptgewinn davonzutragen, kauft man sich in der Regel ein vom Veranstalter herausgegebenes Los. Meistens kommt dieses dann in der Form eines Stück Papiers daher, auf welchem in einer großen Zahlenreihe die Gewinnnummer aufgedruckt wurde. Kommt es dann zur Auslosung werden die Gewinnnummern in einer Liste oder in der Tagespresse veröffentlicht. Beim Abgleich der Zahlen wird nun entweder gejubelt oder die im Volksmund genannte „Niete“ zerknüllt und weggeworfen. Dass es aber auch ganz anders sein kann und die Nieten am Ende doch noch gern vom jeweiligen Besitzer aufgehoben wurden, zeigen die bis heute noch gern gesammelten Losmedaillen aus Böttger-Steinzeug von Paul Börner. Vom Künstler speziell entworfen, wurden sie in der Manufaktur Meißen geprägt. Doch noch viel mehr. Der Sammler kann sogar die Gewinnerlose von den eigentlichen Nieten unterscheiden und das sollte man auch aus numismatischer Sicht unbedingt tun. Doch darüber wird später noch ausführlich die Rede sein.

Die Nikolaikirche in Meißen

Die kleine Kirche am Neumarkt wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 12. Jh. gebaut und dem hl. Nikolaus geweiht. Seit 1892 gehört sie zur Frauenkirchgemeinde. Nach dem Ersten Weltkrieg kam man auf die Idee, die stark baufällig gewordene Kirche als Kriegergedächtnisstätte umzubauen. Der damalige Generaldirektor der Porzellanmanufaktur Meißen, Max Adolf Pfeiffer, gehörte dem gebildeten Ausschuss der Stadt an und ebnete mit den Weg zur Umgestaltung. Viel Meißner Porzellan sollte bei der Ausgestaltung eingesetzt werden um der entstehenden Gedenkstätte einen würdigen Charakter zu verleihen. Es sollte Paul Börners umfangreichstes Projekt werden. Pläne und Kostenvoranschläge der Manufaktur wurden 1921 genehmigt, die dafür erforderlichen Gelder sollten über eine Lotterie zugunsten der Nikolaikirche aufgebracht werden. Paul Börner machte sich an die Arbeit und schuf die erste Serie von einzeln nummerierten Losen in Medaillenform.

Die 1. Porzellanlotterie in Meißen

Obwohl mit dem Verkauf der Lose bereits am 19. Dezember 1921 begonnen wurde, tragen die insgesamt 60.000 ausgegebenen Losmedaillen das Jahr 1922. Börner gestaltete die Vorderseite der Medaille (Scheuch 801) mit einem stehenden Rechteck und Kreuz. Darunter ist die jeweilige Losnummer von Hand eingraviert. Links und rechts eine brennende Fackel, sowie die Inschrift „MEISSEN“ und „KRIEGER-GEDÄCHTNIS-KIRCHE“. Dazu die gekreuzten Kurschwerter, das Markenzeichen der Manufaktur Meißen.

Auf der Rückseite kniet eine Frau über Gräber und streut Blumen. Links und rechts stehen zwei Grabkreuze, dazu oben die Jahresangabe „19*22“. Die Medaillen haben auf beiden Seiten einen Perlkreis am Randstab, der Rand ist glatt. Durchmesser: 42 mm. Abweichende Jahreszahl und Stücke ohne Losnummern sind Proben.

Jedes Los kostete 20 Mark. Die Verlosung der Gewinne erfolgte am 30. März 1922 in Dresden und die Gewinnnummern wurden am 31. März 1922 in der Presse veröffentlicht. Zu gewinnen gab es, wie der Name es schon erwähnt, vorwiegend Produkte aus der berühmten Porzellanmanufaktur Meißen.

Leider ging die Rechnung nicht auf und der durch die Lotterie erzielte Gewinn deckte gerade einmal die baulichen Instandsetzungskosten der Kirche sowie das Honorar für die Entwürfe zur Umgestaltung. Eine weitere Lotterie wurde gestartet.

Die 2. Porzellanlotterie in Meißen

Auch diese Lotterielose waren Medaillen aus braunen Böttger-Steinzeug, allerdings änderte Börner das Motiv der Seite mit der Losnummer ab. Die Rückseite blieb Motivgleich und nur die Jahreszahl änderte sich. Wiederum wurden insgesamt 60.000 Losmedaillen ausgegeben, die das Jahr 1923 tragen. Die Lose kosteten nun 30 Mark.

Auf der Vorderseite der Medaille (Scheuch 818) befindet sich eine Bandschleife, darin steht die von Hand eingravierte Losnummer. Darüber befindet sich auf einer gebogenen Linie ein Kreuz, dazu die Inschrift „KRIEGERGEDÄCHTNIS-STÄTTE“ und „MEISSEN“. Dazu die gekreuzten Kurschwerter, das Markenzeichen der Manufaktur Meißen. Auf der Rückseite das alte Motiv mit geänderten Jahreszahl „19*23“. Die Medaillen haben auf beiden Seiten einen Perlkreis am Randstab, der Rand ist glatt. Durchmesser: 42 mm. Abweichende Jahreszahl und Stücke ohne Losnummern sind Proben.

Auch hier wurden die erhofften Gewinne nicht erzielt. Am 15. Juni 1923 kam die 2. Porzellanlotterie zwar zur Auslosung, doch die bereits galoppierende Inflation vernichtete den Wert der auf diese Weise erzielten Einnahmen völlig. Eine dritte Lotterie mit Sofortgewinnen, nun ohne Losmedaillen, welche man damals als eine ständige Lotterie im Jahre 1926 begann, verhalf endlich zu den notwendigen Mitteln.

Die Kriegergedächtnisstätte in der Nikolaikirche wurde im Rahmen der Tausendjahrfeier der Stadt Meißen am 29. Mai 1929 eingeweiht und ist bis heute für den Besucher eine stark berührende Erinnerungsstätte geblieben.

Porzellanlose für eine Bücherei

Der am 16. April 1923 gegründete „Bücherei-Verein-Meißen“ verfolgte den Zweck, für eine Unterbringung einer öffentlichen Bücherei der Stadt Sorge zu tragen. Gerade während der Inflation, wo sich kaum noch jemand ein Buch kaufen konnte, galt es die bestehenden Bibliotheken zur Erfüllung ihres Bildungsauftrages zu unterstützen und auszustatten. Wiederum gab es die Idee, die dazu notwendigen finanziellen Mittel, durch eine Porzellanlotterie zu beschaffen. Auch hier waren der damalige Generaldirektor der Porzellanmanufaktur Max Adolf Pfeiffer und der Medailleur Emil Paul Börner bereit, diese Idee zu unterstützen. Erneut machte sich Börner an die Arbeit, um eine würdige Losmedaille zu gestalten. Gerade in dieser Zeit ist es äußerst erstaunlich, dass der Künstler dazu umgehend eine passende Idee hatte. Wer sich mit Münzen und Medaillen aus Porzellan näher befasst, wird wissen, dass Börner in dieser Zeit äußerst viele Entwürfe für Notgeld und Medaillen lieferte, die auch umgesetzt wurden.

Die 3. Porzellanlotterie in Meißen

Der von Börner vorgelegte Entwurf zur Losmedaille (Scheuch 821) fand Zustimmung bei allen Beteiligten, war er doch wieder einmal geprägt von zurückhaltend künstlerischer Eleganz. Die Vorderseite zeigt das Stadtwappen von Meißen auf einer geraden Bodenlinie. Ein symbolisch aufgeschlagenes Buch ist mit der von Hand eingravierten Losnummer versehen, darunter zwei fadenlinige Verzierungen und die gekreuzten Kurschwerter. Die Umschrift lautet: „STÄDTISCHE VOLKSBÜCHEREI MEISSEN“. Auf der Rückseite fliegt ein Adler und trägt dabei eine Putte, welche zwei Eichenblätter in den Händen hält. Dazu sind acht fünfstrahlige Sterne kreisförmig am Randstab angeordnet. Alle Medaillen wurden ohne Jahreszahl geprägt. Die Medaillen haben auf beiden Seiten einen Perlkreis am Randstab, der Rand ist glatt. Durchmesser: 42 mm. Abweichende Jahreszahl und Stücke ohne Losnummern sind Proben.

Insgesamt kamen wieder 60.000 Medaillen mit Losnummer im Dezember 1923 und März 1924 zur Ausgabe. Wiederum waren es Erzeugnisse der damaligen Staatl. Porzellan-Manufaktur, die als Preise vorgesehen waren. Die Lotterie hatte großen Erfolg. Es konnte die komplette Inneneinrichtung der Bibliothek, sowie noch der Erwerb einiger wertvoller Bücher finanziert werden. Auch der Neubau des Büchereigebäudes am Kleinmarkt 5 (1926-1929) wurde aus dem Erlös der Lotterie unterstützt. Als einen besonderen Erfolg sah man ebenfalls an, dass die Bücherei auch während der Weltwirtschaftskrise ihren Betrieb aufrechterhalten konnte und es zu keiner Schließung kam. Das Gebäude ist noch heute erlebbar und wird derzeit vom Stadtarchiv genutzt.

Gewinnlos oder Niete?

Jeder der sich damals an solch einer Lotterie beteiligte, bekam mit dem Los auch gleich ein numismatisches Kleinod in die Hände, denn schon damals waren Münzen und Medaillen aus der Manufaktur Meißen ein beliebtes Sammelgebiet. Auch die Besucher der Stadt nahmen gern solch ein Stück mit. So verschwand nicht selten das damals herausgegebene Notgeld, Straßenbahngeld, Medaillen und Plaketten in den Taschen der Touristen. Begehrt beim Sammler waren natürlich auch die ausgegebenen Losmedaillen. Noch heute scheint es genügend Stücke zu geben, da sie oft angeboten werden.

In der heutigen Zeit scheint sich allerdings eine kleine Unwissenheit einzuschleichen, auf die hier hingewiesen werden soll. Bei allen aufgeführten Losmedaillen muss man zwischen Niete und Gewinnlos unterscheiden und das ist ganz einfach. Sämtliche Gewinnlose wurden bei der Einlösung des Preises durch eine Kerbe kenntlich gemacht und entwertet. Das geschah per Hand, indem man durch die Losnummer eine waagerechte Kerbe einschliff (siehe Foto). Anschließend wurde das entwertete Los wieder an den Besitzer als Souvenir ausgehändigt. Solche Medaillen sind daher nicht als minderwertig zu betrachten oder gar, wie es der Autor schon oft im Fachhandel erlebt hat, als „Beschädigt“ zu deklarieren. Im Gegenteil!

Wie bei jeder Lotterie gab es auch hier mehr Nieten als Gewinne. Somit muss zwangsläufig die Anzahl der eingelösten Gewinnlose wohl eher geringer sein. Fakt ist aber, dass gerade Gewinnlose heute am Markt meist weniger kosten (weil vermeintlich beschädigt) als die Nieten.

Ein besonderer Hinweis

Wer das Spezielle sucht, der kann sich über die verschiedenen Archive (einige Bestände sind sogar digitalisiert und online verfügbar) zum Gewinnlos, die damalige Gewinnliste besorgen. Dann kann man genau erfahren, was für ein Preis auf das Los fiel. Mein Onkel besaß solch einen „Vorgang“ komplett. Er hatte die originale Zeitung mit Gewinnerliste, die Gewinnmedaille und auch die kleine Mokkatasse mit den Blauen Schwertern, welche seinem Vater einst als Gewinn überreicht wurde. In diesem Fall wohl eine numismatische Perfektion der besonderen Art.

Nur am Rande soll erwähnt werden, dass es noch zwei weitere Lotterien mit Losmedaillen gab. Im Jahre 1922 wurde in der sächsischen Stadt Penig die sogenannte „Rathauslotterie“ veranstaltet. Auch hier wurden die Motive der Medaillen (Scheuch 843) von Paul Börner geschaffen. Weitere Lotterien bei denen Lose in der Form von Medaillen ausgegeben und die in der Manufaktur Meißen hergestellt wurden sind nicht bekannt. Im Jahre 1924 gab es eine Porzellanlotterie zu Gunsten der Thüringer Volksbücherei. Deren Losmedaillen aus weißen Porzellan, stammen aber nicht aus der Manufaktur Meißen.

Text: numiscontrol
Fotos: Foto 1 Krematorium Meißen/Archiv, alle anderen Fotos Angela Graff

Quellen und Literatur

Karl Scheuch: „Münzen aus Porzellan und Ton“, 4. erw. Aufl. 1978; Karl Scheuch: „Spenden-Medaillen aus Porzellan und Ton“, 1966; Günter Naumann: „Stadtlexikon Meißen“, 1. Auflage 2009; Caren Marusch-Krohn: „Meissener Porzellan 1918-1933, Die Pfeifferzeit“, 1993; Uwe Beyer: Meissener Manuskripte XVII, „Wandbilder-Bildwände“, 1. Auflage 2003; Peter Braun: Meissener Manuskripte XX, „Böttgersteinzeug®“, 1. Auflage 2007.