Städtisches Bestattungswesen Meißen

Krematorium Meißen · Bestattung Meißen

Otto Horn – Kontraste um einen Meißner Universalsammler

Das bei vielen Leuten mehr oder weniger bekannte Porzellanglockenspiel hier im Krematorium Meißen, übrigens eines mit seinen nur sechs Glocken im Umfang kleinsten auf der Welt, hat mit einem angenehmen und auch würdigen Klang den Vortrag aus Serie „Sie waren alle Bürger der Stadt Meißen und haben ein Stück sächsische Geschichte in die Welt getragen.“ über den ehemaligen Bürger der Stadt Meißen Ernst Otto Horn eröffnet.

Wenn man sich mit dem Leben von Otto Horn befasst und alles mit dem aktuell von verschiedenen Seiten präsentierten Wissen darüber vergleicht, dann wird man immer wieder auf einige Unrichtigkeiten und Abweichungen stoßen. Einiges wird dabei nicht vollständig aufgeklärt und einiges wird wohl auch in Zukunft ein undurchdringbares Rätsel seiner Lebensgeschichte bleiben.

Mein Ziel bei der ausgiebigen Recherche sah ich darin, bisher kaum oder noch nicht vollständig erforschte Tatsachen über sein Leben bekanntzumachen. Ein wichtiger Schwerpunkt ist dabei sein Leben als Sammler. Dabei musste ich feststellen, dass gerade nach seinem Freitod 1945, die einst zusammengetragenen Münzen, Medaillen und andere Kunstwerke, ihm nun ein weiteres zusätzliches Leben bescheren.

Vieles wird gerade in der Gegenwart über seine Sammlung berichtet und oftmals wird zwar von einem Otto Horn gesprochen, dem man große Verdienste um die Stadt Meißen zuschreibt, doch dabei die letzten Hinweise und Belege für sein irdisches Dasein vollkommen missachtet, vergisst und sogar mit Füßen tritt. Und das liebe Freunde, das hat wohl keiner verdient.

Ernst Otto Horn war seinerzeit ein angesehener Meißner Bürger, er war Kaufmann, Winzer, Weingroßhändler, Numismatiker und Kunstsammler. Sein Vater, seine Mutter und er selbst trugen bis 1918 den Titel eines Königlich Sächsischen Hoflieferanten.

Mit großem Ehrgeiz und Schaffenskraft widmete er sich nach dem Tode seines Vaters dem elterlichen Geschäft in der Meißner Elbstraße. Seine Mutter richtete dabei noch lange ihren vorausschauenden, geschäftstüchtigen Blick auf die anfangs noch unerfahrenen Hände ihres einzigen Sohnes. Doch wurden diese Hände bald selbst sehr erfolgreich und brachten es fast spielend zu einem damals nicht alltäglichen Reichtum.

Seiner große Liebe zu außergewöhnlichen Kunstwerken, Skulpturen, Gemälden, alten Uhren und vor allem historischen Münzen und Medaillen aller Art, konnte Horn wohl ungehindert nachgehen. Geldsorgen gab es offenbar nicht. So konnte sich im Laufe der Jahre, eine in Fachkreisen oft mit ungläubigen Kopfschütteln bedachte Universalsammlung, die legendäre Horn-Sammlung entwickeln, welche Horn selbst immer weiter ausbaute.

In meinem Vortrag möchte ich Ihnen einen kleinen Einblick in das Leben der Familie Horn, speziell von Otto Horn geben.

Da sein Vater und er selbst die gleichen Vornamen, also Ernst Otto trugen, werde ich Zwecks der besseren Unterscheidung, für den Kunstsammler, um den es heute und hier gehen soll, den Namen Otto Horn gebrauchen, welcher von 1880 bis 1945 in der Stadt Meißen lebte.

Kurz nach seinem Freitod, den er gemeinsam mit seiner langjährigen Haushälterin Minna Wolf im Wohnhaus Plossenweg 4 beging, also im Mai 1945, beendete er zwar sein irdisches Dasein, seine Sammlung dagegen erwachte zu einem neuen Leben. Otto Horns große Sammlung, sowie deren unzählige Geschichten, unbelegte Legenden und vieles mehr erhalten den Namen „Horn“ ja bis in unsere Tage hinein, weiter am Leben. Sie machten den Namen Horn noch postum zu einem Begriff. Aber, ist das nicht etwas ungewöhnlich und wie kam es dazu?

Nun, die Person Otto Horn nebst der Emma- und Otto-Horn-Stiftung sowie seine Sammlertätigkeiten sind ja eigentlich erst durch den jahrelangen Streit vor den Sächsischen Gerichten in das Interesse der überregionalen Öffentlichkeit gerückt.

Vorher war meist nur in Münzsammlerkreisen die „Horn-Sammlung“ ein Begriff. Doch was sich da so alles an Gold- und Silberstücken darin befand, war eher weniger bekannt. Alle Stücke der Sammlung lagen ja im Münzkabinett Dresden und waren nur für Forschungen zugänglich, was ja auch bei dem Umfange völlig normal ist. Ab und an hat man auch besondere Stücke thematisch geordnet in Ausstellungen präsentiert.

Man kann sagen bis 1990 schlummerte die Sammlung mehr oder weniger friedlich.

Als der Streit nach der Wende entbrannte, machte sich natürlich auch die Boulevardpresse mit dicken Schlagzeilen ans Werk und plötzlich war da auch von einer Emma- und Otto-Horn-Stiftung die Rede, es ging um kostbare Sammlungen im Werte von Millionen Euro oder wenigstens einem unschätzbaren Wert, welchen man nicht herausgeben wollte. Die Emma- und Otto-Horn-Stiftung selbst gab es allerdings schon lange und man muss im Kalender wieder einmal weit zurückblättern um mehr darüber zu erfahren.

Man fragt sich hier an dieser Stelle meist berechtigt, Stiftung in der DDR, ging und gab es das überhaupt?

Ja, es gab die Emma- und Otto-Horn-Stiftung in der DDR tatsächlich, doch gab es damals auch gleichzeitig immer wieder mehr als Stress mit der geerbten Münzsammlung.

Es gab auch Stress mit einer rechtmäßig gegründeten Stiftung, deren spätere Liquidierung und die Verstaatlichung der Sammlung, einer Reise nach Berlin, dann plötzlich die Rückführung der Münzen wieder nach Meißen und dann die weitere Reise zum vorläufigen Endpunkt nach Dresden in das Münzkabinett.

Weiteren Stress gab es in den Jahren auch immer wieder mit Fingern, die sich nebenher aus der Sammlung bedienen wollten. Ob man das auch wirklich tat, konnte bisher nicht abschließend geklärt werden, trotzdem ist ein gewisser, ich bezeichne es einmal vorsichtig als „Schwund“, in der Sammlung sowie der einst umfangreichen Bibliothek zu verzeichnen. Interessant auch dabei, dass sämtliche Goldmünzen aus der ehemaligen Sammlung bisher nie aufgefunden wurden.

Dazu hört man immer wieder eine Menge an unbelegbaren Legenden, wie zum Beispiel den kostbaren Münzen in der Jauchengrube auf dem Grundstück Plossenweg 4. Gab es sie dort wirklich oder nicht? Wir wissen es nicht!

Bestandteile der Universalsammlung waren nicht nur historische Münzen, sondern zum Beispiel auch eine Uhrensammlung und eine Skulpturensammlung.

Einige Stücke und Teile der Sammlung kamen natürlich auch in das Meißner Stadtmuseum und bereicherten dort so manche Ausstellung, das war im mehrseitigen Testament von Otto Horn auch so festgelegt.

Eine angedachte Dauerausstellung mit Münzen aus der Sammlung in der Albrechtsburg Meißen schlug allerdings schon in den 1960ziger Jahren fehl.

Doch was ist nun an den ganzen Geschichten und Legenden um Horn wahr, was kann man als Fakten belegen und was sollte man eher weiter kritisch hinterfragen? War es überhaupt sinnvoll die gesamte Sammlung auseinanderzureißen, hätte man nicht wenigstens die Münzsammlung als Gesamteinheit bewahren sollen? Das sind Fragen, die uns wohl keiner beantworten kann oder eventuell auch will.

Doch kommen wir zunächst erst einmal auf das Leben von Otto Horn zu sprechen und dazu begeben wir uns zurück nach Meißen in das Jahr 1880. Viele Infos zu seinem Leben gibt Otto Horn selbst im selbstverfassten Lebenslauf, den er seinen Antrag auf den Hoflieferantentitel vorsorglich beilegt.

Otto Horn wurde am 4. Dezember 1880, als einziges Kind seiner Eltern in Meißen geboren. Der Vater, ein Bäckermeister und Konditor, betrieb in Meißen, in der Elbstraße 9, ein kleines Geschäft und war bereits ab 1876 als Weinhändler im Handelsregister der Stadt Meißen eingetragen.

Zusätzlich hatte der Vater seit dem Jahre 1880 den Königlichen Burgkeller auf der Albrechtsburg gepachtet. Otto verbrachte eine finanziell gut abgesicherte Kindheit in Meißen. Die Geschäfte seiner Eltern, die Mutter war gleichzeitig Teilhaberin des Weingeschäftes, liefen gut und am 4. März 1881 wurde sein Vater durch den beliebten König Albert von Sachsen zum Königlichen Hoflieferanten ernannt. Otto Horn besuchte ab 1887 die höhere Bürgerschule (heute eher bekannt unter Rote Schule) in Meißen und wechselte vier Jahre später zur Realschule mit Progymnasium am Neumarkt. Ostern 1896 verließ Otto Horn die Schule mit dem Reifezeugnis.

Es folgte eine kaufmännische Ausbildung in Dresden. Trotz des frühen Todes seines Vaters mit 53 Jahren im Jahre 1898, setzte er seine Ausbildung fort. Die Firma vom Vater wird nun allerdings in eine Offene Handelsgesellschaft umgewandelt. Es folgten einige Jahre der Wanderschaft durch Deutschland, Frankreich, Spanien, Österreich und Italien. Otto Horn war in diesen Jahren bestrebt, sein Wissen im kaufmännischen Bereich, auf dem Spezialgebiet Weinhandel, zu erweitern.

Er erwarb sich dabei Spezialkenntnisse, oft war er daher als Küfer angestellt. Während seiner Wanderschaft bekam Horn erste Kontakte zur Kunst und Numismatik. Oft war er beeindruckt von den großen Preismedaillen, welche einige Winzer, für ihre Weine, auf den verschiedensten Gewerbeausstellungen erhalten hatten und nun präsentieren konnten.

Im Jahre 1904 trat Horn als Teilhaber in das Geschäft seines Vaters ein. Das Prädikat des Königlichen Hoflieferanten war bereits, nach entsprechendem Antrag, am 20. Januar 1899 auf seine Mutter übertragen worden. Für Horn folgte der Militärdienst, welchen er bei den Königlich-Sächsischen Schützen als Füsilier absolvierte. Er diente im Regiment Nr. 108, wurde allerdings nach einer Verletzung vorerst felddienstuntauglich und aus dem Dienst als Reserveoffizier entlassen.

Horn widmete sich nun verstärkt den heimischen Geschäftsbetrieben. Die Mutter hatte die Bäckerei und Konditorei des Vaters inzwischen verpachtet und das Vermögen der Familie durch den Kauf von Grundstücken kontinuierlich erweitert. Besonders der Erwerb von lukrativen Weinberggrundstücken in der Stadt Meißen trug dazu bei.

In dieser Zeit beginnt Horn mit dem Aufbau einer Sammlung von Kunstgegenständen, vor allem Münzen und Medaillen, den er über viele Jahre ohne einen erkennbaren Schwerpunk und breit gefächert, weiter betreibt. In die Sammlung werden unter anderem Gemälde, Uhren, Plastiken, Grafiken und immer wieder Münzen, mitunter scheint es fast, wahllos aufgenommen. Die Sammlung hatte keine Struktur. Dabei entsteht aber auch eine der wohl bedeutendsten privaten Universalsammlungen in Deutschland. Er engagiert sich besonders in seiner Heimatstadt Meißen, er wird Mitglied im Vorstand des Weinbauvereins, arbeitet im Verein zur Förderung des Fremdenverkehrs, tritt 1917 dem Geschichtsverein bei und wird 1920 Vorstandsmitglied des Museumsausschusses von Meißen.

Im Jahre 1907 erwirbt Otto Horn als Kaufmann die Bürgerrechte der Stadt Meißen. Der systematische Ausbau des Geschäftes und auch die Ausweitung der Geschäftsfelder werden durch Horn erfolgreich vorangetrieben. Er erwirbt eine Likörfabrik am Baderberg 2, betreibt eine Kelterei und im Jahre 1908 übernimmt er die Kollektion der Königlichen Lotteriedirektion sowie die Königliche Altersrentenbank.

1912 erwirbt Horn die Weingaststätte Winkelkrug in Meißen, die wie die Weinstuben in der Elbstraße von einem Pächter betrieben werden. Dazu wird Horn noch vom Sächsischen Fiskus die Geschäftsstelle der Königlichen Brandversicherungskammer, Abteilung Mobiliar-Versicherung übertragen. Die geschäftlichen Erfolge, aber auch sein erworbenes Fachwissen im Weinanbau, verschaffen ihm einen guten Ruf in der Öffentlichkeit.

Er selbst vertritt im Jahre 1913 als Sachverständiger das Königreich Sachsen bei den Verhandlungen über ein neues Weingesetz im Reichsgesundheitsministerium. Im Ersten Weltkrieg dient er nun als Leutnant und Adjutant im Ersatz-Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 178 in Kamenz. Seine Mutter übernimmt in dieser Zeit erneut die Führung der Geschäfte. Am 15.10.1918 wird auch Otto Horn nach einem entsprechenden Antrag durch seine Mutter, später auch durch ihn selbst sowie einem regen Briefwechsel mit dem Oberhofmarschallamt durch König Friedrich August III. das Prädikat „Hoflieferant Seiner Majestät des Königs“ verliehen.

Seine Liebe zum Wein zeigt er besonders in seiner Freizeit und ist als Ritter „Most der Geklärte“ ein treues Mitglied bei den Sippungen der Meißner „Schlaraffia“. Im öffentlichen Leben gehörte er immer zur gehobenen gesellschaftlichen Schicht, er reist viel und verfasst Berichte über seine Reisen nach Marokko, Tunesien und Ägypten. Schon 1904 besitzt Horn ein Automobil und gehört in dieser Zeit zu den damals wirklich überschaubaren Kraftfahrzeugbesitzern im Königreich Sachsen. Trotz seiner zielstrebigen Geschäftstüchtigkeit bleibt er allerdings als Sammler ein Dilettant, da er noch immer ohne konkrete Ziele zu verfolgen alles sammelt was für ihn selbst selten, gut und teuer ist.

Erst als Mitglied der Numismatischen Gesellschaft in Dresden, bekommt er, wohl auch durch den Einfluss dortiger Mitglieder, einen zielorientierten Blick zur Numismatik und baut auch hier sein Wissen aus. Der Münz- und Medaillensammlung widmet er nun seine besondere Aufmerksamkeit und erweitert sie um viele Stücke.

Im Jahre seines Freitodes 1945, umfasste nur allein die Münz- und Medaillensammlung, einschließlich der historischen Siegel, einen Bestand von ca. 65.000 Objekten! Auch publizistisch wird Otto Horn tätig und es erscheinen zahlreiche Manuskripte über seine numismatischen Sammelobjekte. In Vorträgen berichtet er über seine Sammlertätigkeit. Unter Spezialsammlern bekannt und begehrt wird zum Beispiel das Buch „Die Münzen und Medaillen aus der Staatlichen Porzellanmanufaktur zu Meißen“, welches 1923 erscheint und lange Zeit, das einzige Standardwerk für Sammler ist. Noch heute gilt dieses Buch als Rarität.

Seine Grafik-, Gemälde- und Fotosammlung vervollständigt er in dieser Zeit in Bezug auf seine Heimatstadt Meißen. Dabei kommt es ihm vermutlich mehr auf die geschichtlichen Aussagen und weniger auf künstlerischen Wert an. Anfängliche finanzielle Interessen sowie ein kontinuierlicher Wertzuwachs stehen nun offenbar nicht mehr im Vordergrund. Zahlreiche Schenkungen, welche die Akten des Geschichtsvereins Meißen belegen, lassen die ausgeprägte Liebe zu seiner Heimatstadt spüren.

Im Jahre 1937 zog sich dann seine Mutter endgültig aus dem Geschäft ins Privatleben zurück. Vor und während des Zweiten Weltkrieges wird sich Otto Horn in keiner Weise politisch positionieren, seine gesamte Aufmerksamkeit widmet er dem Geschäft und seinen Sammlungen. Die meisten Abende verbringt er in seinem Haus am Plossenweg 4 mit seinen engen Freunden, dem damaligen Stadtarchivar Helmuth Kröger und dem Kunsthistoriker August Wilhelm Walter Hentschel. Dort wird gemeinsam versucht seine Münzsammlung übersichtlich zu ordnen und zu katalogisieren. Als seine Mutter im Jahre 1943 stirbt, zerbricht gleichzeitig das Band einer langjährigen geschäftlichen Partnerschaft und nicht nur die familiäre Bindung.

Otto Horn löst die bestehende Offene Handelsgesellschaft auf und verfasst ein umfangreiches Testament. Dieses Testament beinhaltete 63 Punkte. Eine eigene Familie hatte er bisher nicht gegründet, allerdings lebte er mit der Haushälterin Minna Wolf schon einige Zeit in einer vergleichbaren eheähnlichen Verbindung. Er lebt nun größtenteils zurückgezogen auf seinem Grundstück auf dem Plossen und hilft hin und wieder in den von ihm verpachteten Gaststätten aus.

Mit dem nahenden Kriegsende und der Bombardierung Dresdens im Jahre 1945, wuchs unter der Meißner Zivilbevölkerung und offenbar auch bei Horn, die quälende Angst vor einem Luftangriff auf Meißen. Zusätzlich sorgte die Sprengung der Meißner Elbbrücken für Verwirrung bei den Menschen. Diese allgemeine Unsicherheit, welche überall unter den verbliebenen Menschen von Meißen Verzweiflungstaten auslöste, muss auch ihn erfasst haben. Er änderte jedenfalls sein verfasstes Testament nochmals ab.

Bis zum Mai 1945 erhält sein Testament noch drei Nachträge und vier Zusätze. Die wichtigsten Punkte bleiben allerdings unberührt und werden von Horn nicht abgeändert. In seinem Vermächtnis übereignet er einer nach seinen Eltern benannten Stiftung einen Großteil seines Vermögens. Es handelt sich dabei um die nach seinem Tod zu gründende Otto-und-Emma-Horn-Stiftung. Am 7. Mai 1945 wählt er, wie schon erwähnt, im Haus Plossenweg 4 in Meißen, zusammen mit seiner Haushälterin Minna Wolf den Freitod.

In den Unterlagen vom Krematorium Meißen wird bei beiden als Todesursache „Erhängen“ genannt. Vorher stand im Register allerdings noch „Vergiftung“, dass wurde dann in „Erhängen“ korrigiert.

Ihre sterblichen Überreste wurden am 3. Juni 1945 um 10:00 Uhr hier im Krematorium eingeäschert. Warum man ca. einen Monat nach dem Tod die beiden Leichen erst kremierte, hängt auch sicherlich damit zusammen, dass man auch kurz nach dem schrecklichen Krieg, bei Suizidtanten noch spezielle Untersuchungen durchführte. Da in diesen Tagen, wie die Statistik belegt, Suizid unter der Bevölkerung fast alltäglich war, ist hier ein Vergleich der Liegezeit mit anderen Selbstmordfällen belegbar und entspricht auch dort ca. vier Wochen.

Die Urne von Minna Wolf wurde am 8. Juni 1945 im damaligen Kolumbarium vom Krematorium Meißen aufbewahrt, doch dann am 2. Oktober 1946 auf dem Stadtfriedhof Meißen beigesetzt. Die Urne von Otto Horn dagegen wurde erst am 19. November 1945 in die Familiengrabanlage der Familie Horn, hier auf dem Stadtfriedhof beigesetzt. Warum das so war, konnte bisher nicht geklärt werden. Die Horn-Grabstätte existiert allerdings noch heute.

Die Sammlung beginnt zu Leben

In den direkten Nachkriegsjahren kam es vorerst nicht zur Gründung der von Horn gewollten Stiftung, da erst neue Behördenstrukturen aufgebaut werden mussten. In der Sowjetischen Besatzungszone und in den ersten Jahren der jungen DDR galt es zunächst Hunger, Elend und Not zu bekämpfen. In dieser Zeit wurden der damalige Stadtrat Kmoch und später Paul Höndorf mit der Nachlassverwaltung beauftragt.

Grundsätzlich und so war es auch im Testament festgelegt, sollte die geplante Stiftung zur Stadtverschönerung von Meißen, zur Unterstützung des Stadtmuseums, aber auch für bedürftige Studenten und auch älteren Bürgern der Stadt dienen.

Besonders bei Paul Höndorf soll es in der Verwaltung der Sammlung zu „Unregelmäßigkeiten“, auf die man nicht näher eingeht, gekommen sein, welche 1948 sogar zu einer Anklage vor dem Amtsgericht Meißen führen sollten. Die Anklage nebst Verhandlung hatte allerdings keine rechtlichen Folgen für Höndorf. Und genau das wurde gerade in der Bevölkerung stark und lange kritisiert. In dieser Zeit wird auch ein langjähriger Freund von Otto Horn, der Stadthistoriker und Autor Helmuth Kröger verhaftet und zwei Jahre in sowjetische Lagerhaft genommen. Gerade Kröger galt als perfekter Kenner der Horn-Sammlung, da ja beide auch eng befreundet waren.

Im Jahre 1949, also im Gründungsjahr der DDR, gab es mit Helmut Reibig erneut einen neuen Nachlassverwalter. Außerdem wurde durch die Stadt Meißen ein Kuratorium gegründet, um noch zusätzlich eine breite Kontrolle über den Nachlass zu haben. Am 1. Oktober 1951 kam es dann zur Gründung der Otto-und-Emma-Horn-Stiftung durch das damalige Land Sachsen.

Da in der DDR existente Stiftungen wie Firmen behandelt wurden, mussten Erbschaftssteuern und auch Unternehmenssteuern an das Finanzamt abgeführt werden und das brachte die junge Stiftung ganz schnell in finanzielle Bedrängnis. Es kam zu Steuerschulden und die sich in der Stiftung befindlichen Immobilien konnten zeitgleich nicht mehr kostendeckend bewirtschaftet werden. Weiterhin kam es auch durch die Stadt Meißen zu Ankäufen aus der Sammlung, welche angeblich nur die Hälfte der ursprünglichen Schätzpreise einbrachten. Wer das damals zu verantworten hatte bleibt bis heute offen und ungeklärt. Die Steuerschuld wurde allerdings damit nicht gelindert und immer wieder kamen neue Steuerforderungen dazu.

Im Jahre 1954 wurde die Stiftung wegen einer Steuerüberschuldung von 590.000 Deutsche Mark durch die Stadt Meißen liquidiert. Aber durfte das eine Stadt überhaupt selbstständig entscheiden? Wohl nicht!

Das Verwaltungsgericht Dresden urteilte im Jahre 2007, dass die Stadt Meißen damals gar nicht dazu berechtigt war. Zuständig wäre das damalige Land Sachsen gewesen, denn hier wurde ja auch die Stiftung genehmigt. So wurde über 50 Jahre später die Wiederbelebung der Stiftung möglich und auch deren Ansprüche auf die Vermögenswerte der Stiftung waren nun wieder geklärt. Die Stiftung war demnach nie rechtswirksam liquidiert worden, sondern existierte weiter. Doch gehen wir vorerst wieder zurück in die1950er Jahre.

Was wurde aus der bedeutenden Münzsammlung und wohin ging ihr Weg? Zunächst reisten 1954 die Münzen als Leihgabe nach Berlin um im Berliner Münzkabinett, welches damals unter der Leitung von Prof. Suhle stand, aufgearbeitet zu werden. Hier sollte auch eine gute wissenschaftliche Ordnung hineingebracht werden. Zusätzlich sollten die Stücke aber auch vorerst die leeren Regale im Berliner Münzkabinett auffüllen, da dort die eigene Sammlung in die Sowjetunion verbracht worden war. Darüber gab es einen Vertrag zur Leihgabe. Hier blieb sie dann bis 1963. Nun, viel tat sich nicht.

Als dann glücklicherweise die Berliner Münzsammlung aus der UdSSR zurückkam, hatte man nun wieder genug Arbeit mit der eigenen Sammlung. Die Münzen und Medaillen gingen erneut auf Reisen und sollten nun im Dresdner Münzkabinett wissenschaftlich geordnet, erfasst und aufgearbeitet werden. Wiederum gab es darüber einen entsprechenden Leihvertrag mit der Stadt Meißen. Wieder passierte anscheinend wenig oder gar nichts. Denn schon in den 1980er Jahren bemühte sich die Stadt Meißen um eine Rückführung der Sammlung.

Welchen direkten Grund diese plötzliche Rückforderung hatte bleibt im Dunkel. Dabei gab es sogar Bemühungen den immer noch bestehenden Leihvertrag fristlos zu kündigen. Hatte man damals in Meißen einen besonderen Verdacht oder glaubte man die Sammlung in Dresden nicht mehr vor gierigen und devisenbeschaffenden Händen sicher genug? Auch das wissen wir nicht! Einen wichtigen Grund muss es aber trotzdem gegeben haben. Das Münzkabinett Dresden weigerte sich jedenfalls mit vielen Argumenten gegen eine Rückgabe. Das gelang dummerweise auch immer wieder erfolgreich. Bekam das Münzkabinett damals heimlich Rückendeckung oder musste man bereits entstandene Lücken in der Sammlung verheimlichen? Warum gab man die Sammlung nicht einfach zurück? Die Fragen sind interessant? Gestatten Sie mir an dieser Stelle ein kleines Abtriften vom Thema.

Denn wie schnell werden da heute Stimmen laut und man schimpft und schiebt dabei alles gleich auf die ehemaligen Devisenbeschaffer der DDR. Man schimpft auf die Leute, die dem eigenen Land großes Unrecht angetan haben, weil sie alles verkauften was etwas an Wert besaß, eben auch Kunstgegenstände und Münzen. Völlig richtig, doch muss man wie bei einer Münze auch die andere Seite betrachten. Das heißt demnach für mich, daran ist doch nicht nur eine Seite beteiligt gewesen, denn zum Deal gehören ja immer praktisch mindestens Zwei. Nämlich Käufer und Verkäufer. Wenn der Verkauf nach unserer heutigen Rechtsauffassung ein krimineller Akt war, wie verhält man sich dann gegenüber den Käufern? Wohin hat man denn verkauft? Woher die Verkäufer stammten und wer sie waren, kann man überall lesen, die Käufer der Ware bleiben dagegen im Kognito. Ich frage mich, warum werden solche Verkäufe, die man sicherlich noch nachvollziehen könnte, heute nicht wieder rückgängig gemacht? Fürwahr eine berechtigte Frage. Doch wieder zurück zur Hornstiftung.

Gleich nach der politischen Wende in der DDR wurden Stimmen laut, welche erneut eine Rückführung der Münzsammlung nach Meißen forderten. Nun begann erneut ein Streit um die Sammlung, der schließlich vor dem Bundesgerichtshof entschieden werden musste. 1998 dann das Urteil. Somit hatte die Stadt Meißen keinen Anspruch an die Sammlung zu stellen. Allerdings bemühte man sich zeitgleich in Meißen um eine Wiedererrichtung der Horn-Stiftung und stand im intensiven Kontakt mit der Stiftungsaufsicht des Landes Sachsen. Im Herbst des Jahres 1997 erfolgte bereits die Wiederbelebung der Stiftung. Wie schon erwähnt, hatte dessen Liquidation im Jahre 1954 ja nicht rechtswirksam stattgefunden, nun existierte sie wieder. Man staunt nicht schlecht, was da so alles möglich ist.

Zum ersten Stiftungsverwalter der Nachwendezeit, wurde 1998 der Stadtkämmerer Alexander Thomas berufen, welcher die ersten Schritte zur Rückgabe der Stiftungsimmobilien durch die Stadt Meißen einleitete. Es handelte sich dabei um die Grundstücke Baderberg 2 (das war die ehemalige Hornsche Likörfabrik und Weinkelterei), der Schloßberg Nr. 13 und 14 sowie die Elbstraße 11. Horns eigentliches Wohngrundstück am Plossenweg 4 bzw. Kapellenweg 3 sollte zwar ursprünglich und nach letztem Willen, in das Eigentum der Stadt Meißen übergehen, um als Wohnsitz des Oberbürgermeisters zu dienen. Doch wurde dieses Grundstück verkauft und ab 2007 vom nun privaten Eigentümer saniert.

Strittig waren die Meißner Immobilien Elbstraße 9 und 10 geblieben, die zwar einst auch Otto Horn gehörten, sich nun aber im Besitz des Bundes befanden.

Über die verbliebenen Grundstücke wurde man sich schnell einig, sie wurden im Jahre 2000 grundbuchrechtlich in die Horn-Stiftung überführt. Ab Februar 2000 übernahm Tom Lauerwald die Stiftungsverwaltung, nachdem Alexander Thomas eine neue Arbeit in Dresden aufgenommen hatte. Nun galt es noch die Sicherung der Hornschen Sammlung sowie weiterer Vermögenswerte voranzubringen, um eine zumindest eingeschränkte Handlungsfähigkeit zu besitzen. Wieder musste geklagt werden und wieder ging der Stiftung wertvolle Zeit verloren, da das Verfahren erst im Jahre 2007 vor dem Verwaltungsgericht Dresden eröffnet wurde.

Mit einem Urteil kam es zu einer finanziellen Entschädigung für die Immobilien Elbstraße 9 und 10. Eine Entscheidung, man kann es auch einen Vergleich nennen, über die Münzsammlung gelang erst etwas später im Jahre 2011. Demnach durfte das Münzkabinett Dresden wichtige Teile der Sammlung erwerben. Ein Vertrag mit dem Freistaat Sachsen wurde dazu abgeschlossen. Er regelte die Münzübernahme und die Zahlung von 500.000 EUR in Ratenzahlung bis 2014. Zudem erfasste das Münzkabinett Dresden bis Ende 2013 nun endlich die komplette Münzsammlung von Otto Horn. Und diese Tatsache muss man sich einfach einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Es stellt sich da wohl die wirklich wichtige Frage: „Was hatte man denn bisher mit dieser Sammlung dort gemacht? Eine umfangreiche Münzsammlung, die per Leihvertrag schon im Jahre 1963 im Münzkabinett Dresden ankam. Man sollte sie dort wissenschaftlich genau einordnen und erfassen. Da lagen einfach einmal ca. 60.000 historische Münzen über 50 Jahre hoffentlich auch in den Tresoren vom Münzkabinett Dresden und keiner wusste was es eigentlich alles ist? Oder wusste man es ganz genau und stellt sich erst heute dumm?

Nee, Leute, vergesst es, ich will es einfach nicht aussprechen! Jeder soll sich hier darüber selber den Kopf zerbrechen. Eine Antwort wird man kaum darauf finden. Das ist wie in der folgenden Rechenaufgabe:

Also, ja, hier vorne, rechne doch eemal 1963 Meter geteilt durch 2013 Kilo. Da kummste einfach nie druff!

Der beachtliche Rest der Münzsammlung kam dann in mehreren Versteigerungen, bei einem renomierten Auktionshaus unter den Hammer und spülte weitere Euros in die Kassen der Stiftung.

Was wurde aber aus den anderen Sammlungen. Auch hier gab es bis auf wenige Ausnahmen Einigung. Im Stadtmuseum Meißen, wurde als Stiftungsvermögen die Hornsche Plastiksammlung, die Uhrensammlung, die Plakettensammlung und die Zinnsammlung untergebracht. Das entspricht gleichzeitig auch dem im Testament verfassten „Letzten Willen“ von Otto Horn. Die Horn-Stiftung selbst geht seit Jahren ihren von Horn verfügten Aufgaben nach und berichtet öfters in den Medien darüber. Die Stadt Meißen selbst bekommt ja auch ein schönes Stück vom Kuchen ab, denn Gelder der Stiftung fließen ja auch in andere Projekte.

Hier könnte man durchaus sagen: „Friede, Freude, Eierkuchen“ oder „Wenn sie nicht gestorben sind…“ Ja, wenn da nicht das Wörtchen „WENN“ wäre. Denn so rosig ist es ja nun auch nicht bestellt. Wissen Sie was ich meine? Jeder hat doch einen Löffel Sahne bekommen. Nur einer nicht, weil er schon Tod war.

Während sich alle um einen Tisch gesetzt und die Klecker-Servietten umgebunden hatten, ging es mit der letzten Ruhestätte des immer wieder gelobten Mäzen und Gönner der Stadt Meißen, dem begnadeten Universalsammler, dem großen Numismatiker aus Meißen immer weiter bergab. Sammler, welche durch die großen Münzversteigerung auf diesen wirklich außergewöhnlichen Numismatiker aufmerksam wurden, kamen nach Meißen um seine Grabstätte zu besuchen und waren entsetzt! Meterhohes Unkraut und mit Efeu überwucherte Namensplatten sind hier leider ganzjährig eine besondere Attraktion geworden. Na klar, was nützt uns noch ein Toter, der liegt doch hier nur rum und macht nichts.

Ich muss Ihnen ehrlich gestehen, meiner Frau und mir ging das schon seit man sich nach der Wende mit dem Erbe von Otto Horn befasste und stritt, auf den Wecker. Auf der einen Seite redete man über Millionen von Euro, auf der anderen Seite die verwahrloste Grabstätte des Gönners.

Ich fragte mich immer wieder: „Gehen die über Leichen?“ „Ja, muss wohl so sein.“ Denn keiner kümmerte sich um diese Grabstätte. Nach einem Artikel von mir in der SZ kam etwas Bewegung in diese traurige Angelegenheit, so glaubte ich damals. Man fragte in der Grabpflegeangelegenheit bei der Stadt Meißen und der Stiftung selbst an. Aber da sah sich keiner in der Pflicht und versteckte sich hinter angeblichen Testamentsverfügungen und eine Satzung, na ja und Geld zur Pflege hatte auch keiner. Fazit es blieb bei dem Unkraut.

Ich denke, man kann sich nun einmal nicht hinter Satzungen und einem angeblichen letzten Willen verstecken, wenn es um die noch Gott sei Dank erhalten gebliebene historische Grabstätte der Familie Horn geht, in der auch Otto Horn seine letzte Ruhestätte 1945 gefunden hat.

Fakt ist doch vielmehr, die Grabstätte blieb uns aus welchem Grund auch immer erhalten, doch mit welcher Ignoranz gehe wir heute damit um? Wo bleibt das immer wieder skandierte Gedenken, wo blieb der Wille zur Ehre? Und so war dann der Zustand 2018.

Dreht sich alles nur noch um die Frage wer die Kosten für den würdigen Erhalt eines Grabes übernimmt und wer dazu die Arbeiten ausführt?

Ich möchte daher meinen Vortrag über den Meißner Universalsammler Ernst Otto Horn mit den lateinischen Worten:

HABENT SUA FATA SEPULCRIS, was übersetzt heißt „Gräber haben ihr eigenes Schicksal“, beschließen. Natürlich mit der Hoffnung verbunden, dass es hier auch bald eine dauerhafte würdige Lösung geben wird.

Reiner Graff